Büchse der Pandora: Stack im tausendstel Millimeter Schritt

Mikrofotografie: * ABM >1:2 bis 80:1 * in der Regel Indoorfotografie. Zusätzl. Lichtschrankenfotografie
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Guppy
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Büchse der Pandora: Stack im tausendstel Millimeter Schritt

Beitragvon Guppy » Fr Jan 24, 2014 14:38

An alle Bastler

Auf der Suche nach einem Weg, in tausendstel Millimeter Schritten stacken zu können,
verlor ich oft die Hoffnung eine kostengünstige Lösung zu finden.
Gefunden habe ich die Hoffnung, verschlossen in der "Büchse der Pandora",
sie gab mir die Energie, weiter nach Lösungen zu suchen.
Deshalb nenne ich den entstandenen Stacking Tisch "Büchse der Pandora".

Mit ihm lassen sich Stackschritte von einem hundertstel bis zu einem tausendstel Millimeter und kleiner verwirklichen,
also für Abbildungsmassstäbe von etwa 10:1 bis über 50:1.
Dabei dauert der eigentliche Stackvorgang etwa eine halbe bis eine Stunde.
Die benötigten Bestandteile um einen Stacktisch (Büchse der Pandora) her zu stellen kosten nur einige Euro,
ganz wenig Bastelarbeit ist aber angesagt.

Man besorge sich:
2 Stk. Platten 100 x 100 mm, aus PVC oder Metall
1 Stk. 5-10Watt "schlanke" Sparlampe
1 Stk. passende Fassung für die Sparlampe
1 Stk, PE oder PVC Rohr, Durchmesser (60mm) so dass die Birne mit Fassung hinein passt
und etwa 100 bis 200 mm lang ist (sauber abgeschnitten).

Die Fassung der Sparlampe wird in die Mitte einer Platte montiert (geklebt oder geschraubt) und verkabelt.
Man schraubt die Birne ein und stülpt das PE oder PVC Rohr darüber.
Oben auf das Rohr legt man die zweite Platte.

Auf die obere Platte legt man das zu stackende fotografische Objekt,
z.B. eine Ameise.
Die Kamera mit Balgen und Mikroskop Objektiv werden fix darüber montiert,
so dass die Kamera von oben durch das Objektiv auf die Ameise schaut.
Alles so stabil wie nur möglich.
Nun stellt man die Schärfe etwas näher ein, wie der naheste Punkt der Objektes ist.
Nun schaltet man die Lampe ein und fertigt im Rhythmus von etwa 5-10 Sekunden
Bilder an.

Die Sparlampe die im PE oder PVC Rohr steckt (leuchtet) erwärmt nun dieses Rohr,
das im Fall von PVC mit 200 mm Länge bei jedem Zehntel Grad Temperaturerhöhung
um etwa 0.0033 mm länger wird, und sich somit dem Objektiv nähert.
Ein PVC Rohr von 200mm Länge und etwa 60mm Durchmesser ist für
einen Abbildungsmassstab von etwa 50:1 geeignet.
Ein PE Rohr dehnt sich bei Temperaturerhöhung etwa doppelt so stark aus und ist somit
für Stacks im Bereich von 10:1 bis 20:1 geeignet.

Erhöht man bei einem 200 mm Langen PVC Rohr die Temperatur um 15°C,
dann wird das Rohr 0.5 mm länger.
Dies dauert einige Zeit, in der ohne weiteres 500 Einzelbilder angefertigt
werden können (0.5mm / 500 = ein Tausendstel Millimeter).

Eine zweite Serie von Bildern kann angefertigt werden, nachdem man die
Sparlampe ausgeschalten hat und das Rohr sich abkühlt.
Diese Zeit ist etwas länger wie beim Aufheitzen.
Vergeht diese Zeit zu schnell legt man dem Rohr einen Pullover an, geeignet dazu
ist aufgeschäumte Verpackungsfolie.

Ich fertige meine Stacks an, wenn die Aussentemperatur des Rohres zwischen,
30-40°C beträgt.

Während des Stackens wandert der Bildausschnitt etwas ab, das bedeutet, dass
bei der Wahl des Bildausschnittes noch genügend Platz um das gewünschte Objekt bleiben muss.

Varianten:
Unterschiedliches Material des Rohres.
Unterschiedliche Länge des Rohres.
Unterschiedliche Wandstärke des Rohres.
Unterschiedliche Leistung der Sparlampe.
Unterschiedlicher Zeitabstand von Bild zu Bild.

Die/der BastlerIn ist somit für die kalten Wintertage beschäftigt.

Das gezeigte Bild der Flügelschuppen eines Schmetterlings wurde mit einer
Büchse der Pandora die aus einem 200mm langem PVC Rohr besteht gestackt.

Gut Stack

Kurt
Dateianhänge
Kamera: Nikon D7100
Objektiv: NIKON M Plan, 40/0.5 ELWD, 210/0
Belichtungszeit: Blitz
ISO: 100
Aufnahmedateiformat (RAW/JPG): RAW
Beschnittsbetrag in % (Breite u. Höhe): 5, 5
Aufnahmedatum: 21.01.2014
Artenname: Schmetterling Flügelschuppen
Abbildungsmassstab: 60:1
Bildbreite: 0.39mm
sonstiges: 592 Stk. Aufnahmen im Abstand von 0.001mm, angefertigt mit der "Büchse der Pandora"
P006_Nikon40_60zu1_Schmetterlingsschuppen_0001_01.JPG (381.7 KiB) 11289 mal betrachtet
P006_Nikon40_60zu1_Schmetterlingsschuppen_0001_01.JPG
Zuletzt geändert von Guppy am Fr Jan 24, 2014 16:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Hans.h » Fr Jan 24, 2014 15:04

Hallo Kurt,

Tz,tz,tz...jetzt arbeitest Du schon mit der thermischen Ausdehnung des Stacktisches!
Ich faß´es nicht..Du kommst langsam in Bereiche,wo Du die Anziehungskraft von Sonne
und Mond mit einbeziehen mußt.. :swoon:
Ich frage mich,ob mit der Temperaturerhöhung auch die Materialausdehnung gleichmäßig
vonstatten geht.Hast Du da irgendeine Möglichkeit das zu messen?

Ist ja eine originelle Idee...Das Bild gibt Dir jedenfalls Recht-es klappt!
Bin ja gespannt auf weitere Versuche..

Gruß Hans. :)
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Beitragvon Frank Ingermann » Fr Jan 24, 2014 15:11

Hallo Kurt,

da sieht man mal wieder, dass man durch geschickte Nutzung grundlegender physikalischer Prinzipien ganz simple Lösungen für sonst technisch sehr aufwändige Problemstellungen finden kann.

Genial einfach - einfach genial!

lg, Frank
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Beitragvon Guppy » Fr Jan 24, 2014 16:21

Hallo Hans

Natürlich erwärmt sich das Rohr ungleichmässig,
dies doch nur in der Länge,
unten, also in der Nähe der Lampe,
wird das Rohr heisser wie oben.
Wichtig ist, dass die Lampe im Zentrum steht
und somit im Umfang keine Temperaturabweichung besteht.

Da sich das Rohr auch im Durchmesser dehnt,
habe ich es nicht auf die Unterlage geleimt
und auch der Deckel (Tisch) liegt
lose darauf, bis jetzt hatte ich dadurch kein Problem.

Anbei noch ein Bild der ganzen Büchse der Pandora.
Das Rohr ist eingepackt, damit die Abkühlung langsamer
statt findet.
Und ein Bild aller Bestandteile und Rohre mit
unterschiedlichen Wandstärke und Material.

Kurt
Dateianhänge
Die Büchse der Pandora im Gebrauch
P1230010_01.JPG (185.99 KiB) 10936 mal betrachtet
P1230010_01.JPG
Die Einzelteile der Büchse der Pandora,
mit unterschiedlichen Rohren
P1230018_01.JPG (161.12 KiB) 10899 mal betrachtet
P1230018_01.JPG
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Beitragvon Hans.h » Fr Jan 24, 2014 16:32

Hallo Kurt,

Der Aufbau ist schon höchst raffiniert.
Was mich daran besonders fasziniert,ist daß es ohne jede Mechanik funktioniert.
Auch die Mikrotome mir denen Schnitte für´s REM.hergestellt werden arbeiten nach
Deinem Prinzip. :good:

Gruß Hans. :)
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Beitragvon Schnoum » Fr Jan 24, 2014 17:14

Hallo Kurt,
einfach unglaublich, auf was für Ideen Du kommst! Klasse!
Gruß
Thomas
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Beitragvon hago » Fr Jan 24, 2014 17:19

Hallo Kurt,

nach deinem sehr schönen Bild zu urteilen, klappt deine neue Methode ja ganz hervorragend.

Da ist ja wahrscheinlich aber noch viel Mess- und Testarbeit zu leisten, bis du die Aufnahmen richtig automatisieren kannst.
Viel Erfolg.

Grüße, Hago
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Beitragvon Gabriele » Fr Jan 24, 2014 18:00

Hallo Kurt,

ich konnte auf der Arbeit schon einen kurzen Blick auf deine Arbeit
werfen und war sofort begeistert. Auf was für Ideen du kommst :)

Ich finde das unglaublich genial. Und das Ergniss haut mich vom
Hocker. 60:1, wo kann man sowas schon sehen.... Jetzt bin ich
echt gespannt was du in Zukunft für Bilder hier zeigen wirst.
Ich freue mich besonders auf dein erstes Facettenauge. Sieht ja
bei 10:1 schon genial aus...... Wirklich super und danke auch für
die ausführliche Erklärung. Hab sogar ich verstanden :DD

LG Gabriele
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Beitragvon Monika E. » Fr Jan 24, 2014 18:08

Hallo Kurt

Genial ist hier der richtige Ausdruck, und erfinderisch dazu
Unglaublich was dir alles einfällt um noch eindrucksvollere Bilder zu machen

Das Resultat sieht klasse aus, diese wunderbaren Farben, mit diesem Schimmer, und alles Natur, herrlich

Vielen Dank auch für die eindrückliche Erklärung und die Bilder deiner Anlage
Liebe Grüsse

Monika

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man muss es auch anwenden.
Es ist nicht genug zu wollen,
man muss es auch tun.
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Beitragvon Christian Zieg » Fr Jan 24, 2014 19:42

Hallo Kurt,

jetzt ist es so, dass ich nicht weiß, worüber ich mehr staune. Das Bild, welches
ich von den Farben her einfach toll finde, oder Deinen Ideenreichtum, der mir zeigt,
dass für solche Bilder scheinbar auch eine Menge Wissen über Physik nötig ist.
Jetzt weiß ich, dass meine Stack-Versuche nie über einen gewissen Rudimentär-
Status hinaus gehen werden, da das auch der Status meines Wissens über
Physik ist.
Umso dankbarer bin ich für einen solchen Input, den man sich hier holen kann.
Danke für die ausführliche Beschreibung Deines Aufbaus und der Technik, die
zu dem Bild geführt hat. Das war ein Erlebnis, das zu lesen.
Und das Bild ist ein kleines Erlebnis für die Auegn.

Gruß, Christian
www.christianzieg.com
http://www.facebook.com/NaturfotografieChristianZieg

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