Thomisus onustus , eine veränderliche Krabbenspinne

Interessante Beobachtungen aus dem Leben unserer Makromotive oder unserer Naturmotive mit dokumentarischem Charakter
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Jürgen Fischer
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Thomisus onustus , eine veränderliche Krabbenspinne

Beitragvon Jürgen Fischer » 27. Mär 2010, 23:03

Hi, hier die versprochene Doku über Thomisus onustus, eine in Deutschland seltene Krabbenspinnenart, die zur Familie der Krabbenspinnen (Thomisidae) gehört.
Es gibt keinen deutschen Namen, auch wenn man ab und an gehöckerte Krabbenspinne im Web findet.

Darüber hinausgehende Infos findet ihr hier http://www.makro-forum.de/ftopic42749.html und hier: http://www.makro-forum.de/artengalerie/ ... ?album=849

Viel Spaß beim Anschauen und danke fürs Reinschauen.

LG Jürgen
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Thomisus onustus (Familie Krabbenspinnen : Thomisidae) kann leicht bei oberflächlicher Betrachtung mit Misumena vatia, der "Veränderlichen Krabbenspinne" verwechselt werden.

Neben genitalmorphologischen Unterschieden sind für die Bestimmung nach Foto zwei Merkmale gut zur Unterscheidung geeignet, die man sowohl bei den Weibchen, als auch im Vergleich der Männchen erkennen kann.
1 Vergleich-Weibchen.jpg (387.37 KiB) 5160 mal betrachtet
1 Vergleich-Weibchen.jpg
Zum einen ist der Hinterleib bei onustus mit zwei mehr oder weniger stark ausgeprägten Höckern am hinteren Rand versehen, die Misumena fehlen.

Darüber hinaus sitzen auch die vorderen Seitenaugen auf zwei ausgeprägten Kopfhöckern, die bei Misumena nicht so deutlich ausgebildet sind.
2 Vergleich-Männchen.jpg (283.7 KiB) 5158 mal betrachtet
2 Vergleich-Männchen.jpg
Thomisus kommt als Weibchen in drei Farbvarianten vor:

Weiß, Gelb und Rosa, wobei diese Grundfärbung oft noch mit Flecken der jeweiligen anderen beiden Grundfarben ergänzt wird.

Hier ein weißes Weibchen auf weißer Blüte und damit natürlich optimal getarnt.

Das Weibchen hier ist entweder sehr gut genährt oder hochträchtig, sodass sich die Form des Hinterleibs schon sehr in Richtung der Hinterleibsform von Misumena bewegt.
3 Weibchen trächtig, weiß.jpg (340.49 KiB) 5155 mal betrachtet
3 Weibchen trächtig, weiß.jpg
Gelb auf Gelb! Auch hier ist die Tarnwirkung super und an solch einer Szene kann man denn als Makrofotograf schon mal ahnungslos vorbeihatschen.
Fressfeinde und Beutetiere, die oft ein schlechteres Sehvermögen haben als wir, haben kaum eine Chance die Blütenbewohnerin auszumachen.
4 Weibchen gelb lauernd.jpg (230.37 KiB) 5159 mal betrachtet
4 Weibchen gelb lauernd.jpg
Die dritte Farbvariante, die in Rosa findet man recht oft auch auf weißen Blüten.
Fällt total auf, null Tarnwirkung sollte man meinen!

Allerdings sollte man bedenken, dass z.B. die Beutetiere Blütenfarben mit sprichwörtlich ganz anderen Augen betrachten als wir.
Viele Blüten bilden sogenannte Saft- oder Nektarmale aus, die aus der farbe der übrigen Blütenblätter herausstechen. Damit locken Blüten ihre Bestäuber an, Insekten haben gelernt solche Male anzufliegen.
Kein Wunder also, dass eine rosa Spinne in einer weißen Blüte hervorragend getarnt ist und die Insekten wie ein Magnet anzieht.
5 Weibchen rosa lauernd.jpg (213.9 KiB) 5155 mal betrachtet
5 Weibchen rosa lauernd.jpg
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Teil 2

Beitragvon Jürgen Fischer » 28. Mär 2010, 00:02

Hier die Fortsetzung Teil 2:
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Als Lauerjäger, der nicht in der Lage ist Fangnetze zu bauen, ist Thomisus natürlich auf eine optimale Tarnung angewiesen.
Daneben hat sie eine effektive Fangtechnik entwickelt, die ihr es ermöglicht auch große und wehrhafte Beutetiere, wie Bienen und Hummeln zu überwältigen.
Ihr Fangbiss zielt in erster Linie auf das „Genick“, also auf den Übergang zwischen Kopf und Brust des Insekts. Hier ist die Beute verwundbar und kann auch den vielleicht vorhandenen Stachel nicht einsetzen.
6 Weibchen rosa Fangbiss.jpg (345.15 KiB) 4310 mal betrachtet
6 Weibchen rosa Fangbiss.jpg
Selbst wenn der Biss nicht exakt sitzt, wie auf diesem Bild, hat die Spinne doch ein genügend wirksames Gift im Laufe ihrer Evolution entwickelt um trotzdem erfolgreich zu sein.
Nach dem Biss bringt sie dann aber erst mal vorsichtshalber die empfindlichen Beine in Sicherheit, lässt das Gift wirken und die Beute am „ausgestreckten Arm“ verenden.
Diese „Flügelstellung“ konnte ich schon bei vielen Attacken beobachten. Die Literaturangabe, dass die Spinne ihre Beute mit den Vorderbeinen umklammert, konnte ich dagegen weniger oft registrieren.
7 Weibchen Fangstellung.jpg (294.51 KiB) 4307 mal betrachtet
7 Weibchen Fangstellung.jpg
Ist der Ansitz für die Spinne nicht mehr attraktiv genug, oder wurde sie vertrieben, so bleibt ihr nichts übrig, als den Standort zu wechseln.
Dies geschieht selbst bei ausgewachsenen, schweren und relativ plumpen Weibchen stets auf dem „Luftweg“, nie zu Fuß.
Die Spinne stellt sich auf, reckt das Abdomen in die Höhe und lässt einen Luftfaden aus den Spinnwarzen austreten.
Verfängt sich der, zurrt ihn die Spinne fest, prüft seine Haltbarkeit und klettert dann über die „Luftbrücke“ in neue Jagdgründe.
8 Weibchen abseilend.jpg (280.04 KiB) 4309 mal betrachtet
8 Weibchen abseilend.jpg
Das gelbe Weibchen war auf der Suche nach einem neuen Ansitz und kletterte trotz ihres schweren Hinterleibs mittels Faden einigermaßen geschickt in der Vegetation herum.
9 Weibchen gelb gefärbt.jpg (322.6 KiB) 4310 mal betrachtet
9 Weibchen gelb gefärbt.jpg
Einen Tag später hatte sie einen neuen Ansitz gefunden, eine weiße Blüte. Innerhalb einer Nacht schaffte sie es sich in ihrer Grundfärbung an die neue Sitzwarte anzupassen.
Das Gelb wurde ersetzt durch ein „schmutziges“ Weiß, einzelne gelbe Flecken blieben.
Dass es dasselbe Individuum ist, sieht man bei genauer Betrachtung der beiden Bilder. Dem Tier fehlt nämlich eine Chelicere, also eine Fangklaue.
10 Weibchen weiß gefärbt.jpg (446.11 KiB) 4308 mal betrachtet
10 Weibchen weiß gefärbt.jpg
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Beitragvon Carpe diem » 28. Mär 2010, 00:19

Hallo Jürgen,

grossartige Dokumentation.
Super Aufnahmen und fundierte Informationen, danke für die Mühe.

Gruss Andreas
www.andreas-hartkopf-makrofotografie.de
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Jürgen Fischer
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Fortsetzung Teil 3

Beitragvon Jürgen Fischer » 28. Mär 2010, 00:22

Damit die drei Teile nicht zu sehr auseinander gerissen werden, schiebe ich die restlichen Bilder gleich hinterher.

Wenn es zu sehr die Regeln verletzt, lösche ich den letzten Teil selbstverständlich wieder.

LG Jürgen
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Interessant ist, dass der Farbwechsel durch optische Eindrücke ausgelöst wird. Die Spinne erkennt mittels ihrer Augen die Farbe des jeweiligen Untergrunds und passt dann wenn möglich ihre Körperfarbe an.
Im Portrait sieht man recht gut die beiden mittleren Vorderaugen, für die auch die Fähigkeit des Farbensehens nachgewiesen wurde.
Krabbenspinnen haben neben Wolfspinnen und Springspinnen mit das beste Sehvermögen unter unseren heimischen Webspinnen.
11 Augenstellung.jpg (353.62 KiB) 4303 mal betrachtet
11 Augenstellung.jpg
Der Farbwechsel bei Thomisus ist noch nicht ausreichend erforscht, es sollte aber ähnlich funktionieren, wie bei Misumena vatia.
Gelb und Rosa werden durch Farbstoffe erzeugt, die direkt in die oberste Hautschicht eingelagert werden. Darunter liegt eine Schicht Weiß, hervorgerufen durch Guanin, einem Abbaustoff des Eiweißabbaus.
Will die Spinne z.B. von Gelb auf Weiß wechseln, so zieht sie den gelben Farbstoff ins Körperinnere zurück oder gibt ihn als Kot ab. Dadurch wird die untere weiße Schicht sichtbar. Ein direkter Wechsel von Rosa nach gelb oder umgekehrt ist nicht möglich. Es wird immer die Zwischenstufe weiß eingeschaltet.
Das Bild zeigt den Moment der Abgabe eines Kottropfens, hier allerdings nur in weiß, also ziemlich reines Guanin, das auch nicht irgendwie riecht.
12 Kotabgabe.jpg (242.55 KiB) 4298 mal betrachtet
12 Kotabgabe.jpg
Das Männchen der Art ist zu einem Farbwechsel nicht in der Lage. Es handelt sich um eintypisches Zwergenmännchen, das seinem Weibchen in der Größe hoffnungslos unterlegen ist.
Die Paarung erfolgt in unseren Breiten im Juni und findet in einem ursprünglicheren Ablauf statt, als bei der „moderneren“ Misumena. Die Position des Männchens ist dabei auf dem Abdomen des Weibchens, die Taster werden seitlich von oben eingeführt. Leider konnte ich die Paarung noch nicht beobachten. (Man braucht ja auch für die nächste Saison Ziele!!!)
13 Männchen.jpg (328.53 KiB) 4298 mal betrachtet
13 Männchen.jpg
Das Weibchen bewacht nach der Eiablage mit verschrumpeltem Hinterleib den flachen, weißen Eikokon. Auch in dieser Zeit kann es noch zu Verpaarungen kommen.
Die Kokonszene fotografierte ich im Juni, im Vorjahr konnte ich auch im August noch erwachsene Weibchen im Burgenland finden. Die Art scheint also zweijährig zu sein.


So, ich hoffe euch einige interessante Informationen gezeigt zu haben. Vielleicht kann ich ja im nächsten Jahr ne Fortsetzung starten.


LG Jürgen
14 Eikokon.jpg (352.42 KiB) 4299 mal betrachtet
14 Eikokon.jpg
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Beitragvon Dedder » 28. Mär 2010, 09:54

Hallo Jürgen,

eine super gemachte Dokumentation.
Wirklich sehr intereesant und klasse bebildert!

Respektvolle Grüße - Dedder
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Beitragvon Held » 28. Mär 2010, 10:24

Hallo Jürgen,

gerade die Art und Weise der Farbänderung war mir bisher unklar. Danke für die ausführliche Doku mit tollen Bildern.
Grüße, Marcus


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Beitragvon chfleischli » 28. Mär 2010, 10:46

Hallo Jürgen,

Vielen Dank... Informativ, interessant und von hoher Bild-qualität.
Grüsse

Christoph

http://macronature.blogspot.ch
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Beitragvon Andreas Th. Hein » 28. Mär 2010, 11:15

Hallo Jürgen,

bin hier gerade hin und weg gerissen. Unglaublich beeindruckende Fotos, gespickt mit Informationen die mir auch noch neu waren. Ganz große klasse! Vielen Dank für deine Mühe .

LG Andreas
Viele Grüße Andreas
http://www.libellenwissen.de
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Beitragvon Frederik f56 » 28. Mär 2010, 12:13

Hallo!
Wieder mal eine hervorragende Doku!
Habe letztes Jahr endlich mal meine erste Veränderliche gesehen, ist bei uns wohl eher selten. Den höckerigen Verwandten zu sehen wäre natürlich auch nochmal so ein Wunsch!
Vielen dank für die Mühe mit den tollen Bildern und dem Infotext!
Gruß
Fred
läuft?..................LÄUFT!!! Immer gutes Licht Euch allen!
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Beitragvon SilkeP. » 28. Mär 2010, 12:33

Wahnsinn Jürgen, das ist eine Spitzen Doku! Danke dafür!
Liebe Grüße, Silke
(Meine Fotos sind meist Naturdokumente, ab und zu beeinflusste Natur, wenn ich den ein oder anderen Halm auf die Seite biege oder abschneide...)
www.seides-naturfotografie.jimdo.com/


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