Kohlschnake (Tipula spec)

Interessante Beobachtungen aus dem Leben unserer Makromotive oder unserer Naturmotive mit dokumentarischem Charakter
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Felix Speiser
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Kohlschnake (Tipula spec)

Beitragvon Felix Speiser » 26. Mai 2011, 16:29

Schnaken sind verbreitet und können oft beobachtet werden. Weltweit soll es etwa 4000 Arten geben, wovon etwa 150 in Europa (Deutschland). Einen interessanten Weblink zur Artbestimmung von Schnaken habe ich am Schluss dieses Berichtes aufgeführt. Ich hatte Glück, als ich eines Tages in einem Feld ein reges "Schnakentreiben" beobachten konnte. Als ich dann mehr über diese Tiere nachlesen wollte, war ich dann aber über die Dürftigkeit der leicht bzw. allgemein zugänglichen Informationen doch sehr erstaunt. Im Internet Googel, Yahoo oder Wikipedia kommen überall etwa diesselben (wenigen) Informationen, oft sogar in gleichem Wortlaut, vor, die in abgekürzter Form auch im Kosmos Insektenführer von Heiko Bellmann (Vergl. Literatur) nachgelesen werden können. Auch in anderen Büchern über Insekten konnte ich keine detaillierten Informationen finden. Vielleicht kann mir da jemand von Euch weiterhelfen.

Hier mal einige eigene Impressionen und Fragen zu diesen interessanten Tieren. Man kann man sie oft von weitem schon sehen, doch wird man dann selber auch rasch bemerkt und schwups haben sie sich schon etwa einen Meter weiter auf einen anderen Halm gesetzt. Nähert man sich ihnen wieder und sie fühlen sich weiter gestört, "tauchen" sie dann unten durch im hohen Gras weg und können dann meist nicht mehr entdeckt werden. Es ist somit nicht immer ganz einfach sich den Tieren auf einen günstigen Bildabstand zu nähern. Noch schwieriger wird es, wenn man das ganze Tier abbilden möchten, denn die Beine sind doch sehr lang und verlieren sich meistens irgend wo in den Grashalmen. So ungelenkig diese Tiere erscheinen mögen, so zirkusartig agile können sie eben sein. Wenn man sich aber ruhig und mit viel Zeit zu den Tieren hinsetzt, gelingt es dann doch noch gute Bilder zu machen.

Ich denke, Abb.1 zeigt ein Weibchen. Es ist etwas schlanker als das Männchen und kann im Hinterleib einen Legebohrer teleskopartig ausfahren. Leider konnte ich das aber nicht beobachten. Das zweite Bild zeigt ein Männchen mit dem etwas massigeren Hinterleib.


Die Tiere scheinen sehr urtümlich, archaisch zu sein und ich dachte zuerst, dass sie mit den Skorpionsfliegen nahe verwandt sein müssten, was aber nicht der Fall ist. Beide haben einen verlängerten Kopf, wobei aber die Skorpionsfliege beissende Munwerkzeuge haben, während die Schnaken einen Saugrüssel besitzen, der nur Flüssigkeit aufnehmen kann. Eine präorale Verdauung wie bei den Fliegen wurde bei meinen Recherchen aber nirgends erwähnt. Dies scheint auch nicht notwendig zu sein, da sie offensichtlich nur Wasser und flüssigen Nektar aufnehmen.

Nun, die Kopfpartie der Schnake finde ich für Insekten ungewöhnlich interessant und sehr verwirrend. Genauere Informationen zu den einzelnen Kopfteilen habe ich leider keine gefunden. Lediglich die lapidarische Bemerkung, dass der Kopf verkümmert und verlängert sei, und dass nur flüssige Nahrung aufgenommen werden könne. Na also... der Kopf besteht ja aus vielen Teilen. So präsentiere ich hier nun mal drei starke Vergrösserungen (bzw. Bildausschnitte unter 5 -10%) aus verschiedenen Blickwinkeln (Abb. 3). Bei der dritten Aufnahme hatte ich Glück, denn ich konnte die Schnake im Sonnengegenlicht erfassen. So präsentiert sich die Mundpartie, wie wenn ein kurzer Rüssel aus einem "Kopfrohr" herausgestülp wurde. Dieser Rüssel scheint am Ende eine behaarte Saugplatte zu haben, die der einer Fliege nicht unähnlich aussieht. Dies scheint mir deshalb bemerkenswert, da Schnaken in der Systematik ja eher in der Nähe der Mücken angesiedelt werden. Nun, die Mundwerkzeuge sind wohl doch nicht ganz so einfach/primitiv, sie sind vielgliederig und mit vielen Sinneshaaren besetzt, was besonders im ersten Bild dieser Dreierkomposition zum Ausdruck kommt.


Welcher Entomologe unter Euch möchte hierzu noch etwas beitragen und/oder einen Link zu weiteren Informationen dazu angeben? Naja, die Bilder sind für solche Betrachtungen wohl nicht ganz geeignet, da reicht ein einfacher Fotoapparat nicht mehr aus und eine Stereolupe wäre hier wohl eher angebracht.

Es war Paarungszeit, deshalb das rege Treiben im Gras. Die Paare flüchteten zusammen auf umgebende Grashalme, wenn sie sich gestört fühlen. Ihr Flug gleicht bei erstem flüchtigen Hinsehen demjenigen von Libellenpaaren, etwas behäbiger vielleicht. So installierte ich mich im Feld und verhielt mich ruhig auf meinem kleinen Feldsessel, nachdem der Fotoapparat auf eine ungefähre Höhe der Gäser und Kräuter eingestellt war. So harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die Schnaken wieder regten.

Die Paare verhielten sich wie echte Akrobaten. Entweder hielten sich die Partner an getrennten Grashalmen und bildeten so eine Brücke - da fehlte nur noch der Marienkäfer, der darüber spazierte ;-) oder aber ein Partner hängte sich an einen Halm, während der/die andere Partner/in frei schwebte, wie hier auf Abb. 4. das Weibchen. Einmal kam ein weiteres Männchen zugeflogen und wollte das Paar trennen. Da gab es ein heftiges Geflatter, das auf meinen Bildern aber leider nur sehr unscharf festgehalten werden konnte. Das Paar konnte sich aber behaupten und blieb zusammen.

Das letzte Hinterleibssegment mit den Geschlechtsöffnungen und den beiden Atemöffnung en enthält Hautlappen, die für die Artbestimmung wichtig sind. Ich vermute, dass sie sensorische Aufgaben bei der Paarfindung haben, denn verschiedentlich trennten sich die Paare kurzfristig, ohne sich aber auf ihren Halmen wirklich zu bewegen. Ihre Hinterleiber fanden dann rasch wieder zusammen (Abb.5).


Natürlich gibt es noch Vieles, das hier beschrieben und gezeigt werden könnte. Eine so interessante Tierart lässt sich ja nicht in so wenigen Worten richtig beschreiben. Trotzdem hoffe ich, dass Euch dieser Beitrag eine gewisse Freude gebracht hat und auch weiteres Interesse an diesen Langbeinern wecken konnte. Falls ich etwas Falsches geschrieben haben sollte, bitte ich um Berichtigung ;-)



Technische Angaben zu den Bildern:
Alle Bilder wurden mit einer Sony A700 und einem Sigma Makro 180mm mit Stativ aufgenommen. Die Blendenöffnung betrug 9.5 mit angepassten Belichtungszeiten (meist kleiner als 1/100" bei ISO 200. Alle Aufnahmen erfolgten am Morgen kurz nach Sonnenaufgang.


Heiko Bellmann: Der neue Kosmos Insektenführer sS. 208
ISBN-13: 078-3-440-07682-8
ISBN-10: 3-440-07682-2
(1999)

Wolfgang Rutkies: Bildgallerie zur Bestimmung von Schnakenarten:
http://www.rutkies.de/Syrphidae/schnaken/index.html
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Beitragvon Petra L » 28. Mai 2011, 19:53

Hallo Felix,

was für eine excellente Doku. Interessant, informativ und
mit super Bildern unterlegt.
Wirklich stark, was Du da zusammen gestellt hast.
Und die ganze Mühe, die dahinter steckt...
Herzlichen Dank dafür!

Netten Gruss
Petra
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Beitragvon Goldauge » 3. Jun 2011, 11:29

wunderbare Fotos und sehr informativer Text!

diese Tierchen gehören sicherlich nicht zu denen auf der Promi-Liste ...:roll: .... Um so mehr freut mich Dein Bericht, Danke dafür...
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Beitragvon Gabi Buschmann » 5. Jun 2011, 21:08

Hallo, Felix,

das ist eine rundum gelungene Doku geworden,
sowohl in Text als auch in Bild toll!
Vielen Dank!

Gabi
Liebe Grüße Gabi
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Beitragvon fossilhunter » 10. Nov 2011, 21:05

Hallo Felix !

Wirklich interessante Infos und auch ansprechende Bilder zu diesen Insekten, welche mich auch schon oft mit ihren langen Beinen beim Fotografieren geärgert haben.

lg

Karl
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Beitragvon Monika B. » 10. Nov 2011, 21:35

Hallo Felix,
wie gut dass diese Doku nochmal hochgeholt worden ist. Nicht nur interessantes Bildmaterial sondern vor allem auch viel wissenwertes rund um dieses interessante Insekt. Eine meiner ersten Aufnahmen hier im Portal zeigte auch ein Paarung dieser Spezies. Sie sind wirklich sehr schreckhaft und nicht leicht zu fotografieren.
Lg Moni
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Beitragvon Felix Speiser » 11. Nov 2011, 16:09

Herzlichen Dank Euch Allen

Mich hat es auch gefreut, dass diese Doku nochmals zum "leben" erweckt wurde, habe ich doch einige Zeit nicht nur fürs fotografieren sondern besonders auch fürs texten aufgewendet. Das erstellen solcher Texte ist für mich ein wichtiger Bestandteil der fotografischen Tätigkeit und rundet das gelebte "Fotoerlebnis" erst richitg ab. Um so schöner, wenn dies auch Euch gefällt ;-)

LG Felix
Meine Motivation zum fotografieren (nicht nur in der Makrofotografie):
"Wer fotografiert lernt sehen und wer sehen lernt, lernt die "Welt" ein klein wenig besser zu verstehen"
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