Ballooning

Interessante Beobachtungen aus dem Leben unserer Makromotive oder unserer Naturmotive mit dokumentarischem Charakter
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Jürgen Fischer
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Ballooning

Beitragvon Jürgen Fischer » 19. Apr 2007, 21:59

Hi , das heutige Bild stell ich wegen der mangelnden Qualität mal lieber in die Dokuabteilung. Es ist ein für mich absoluter Schnappschuss einer Szene, die zwar täglich oft vorkommt, die man aber nur selten beobachten kann. Es zeigt eine junge, winzige Cyclosa conica (konische Radnetzspinne) bei der Vorbereitung zum „Ballooning“. Dabei stellt sich eine Jungspinne oder auch eine Zwergspinne auf einem erhöhten Punkt auf die „Zehenspitzen“ und reckt den Hinterleib in die Luft. Dann lässt sie einen Spinnfaden austreten und zwar so lange, bis er in der Lage ist, das Gewicht des kleinen Piloten zu tragen. Am Faden hängend fliegt sie dann davon und kann so neue Lebensräume besiedeln. Man hat bereits solche Fadenflieger in mehreren tausend Meter Höhe aus der Luft gefischt und kurz nach dem Schlupf von Jungspinnen ist oft die Luft voll mit den Kleinen. Die Erscheinung kennen wir z.B. im Herbst ja als Altweibersommer.
Die Aufnahme entstand aus der Hand, Ellbogen auf die Erde abgestützt, ohne Blitz und Abbildungsmaßstab 2:1, das Bild wurde dann nochmal um 50% beschnitten, weil ich einfach Einzelheiten sehen wollte. Zur Bildgestaltung blieb fast keine Zeit, da vom Entdecken der Szene bis zum Abflug des Spiderlings vielleicht mal grad 20 sec. vergingen. Für mich als Spinnenfreak ist die Aufnahme ein absoluter Glückstreffer, in 25 Jahren Spinnenbeobachtung konnte ich dieses Verhalten nur 4-5 mal sehen, aber nie fotografieren. Auch wenn ihr meine Begeisterung nicht ganz teilen könnt, hoffe ich dass die Qualität nicht zu schlecht ankommt. Wenn doch, na ja…
Gruß Jürgen
Dateianhänge
Kamera:eos350d
Objektiv:105sigma
Belichtungszeit:1/125
Blende:5,6
ISO:100
Beleuchtung:Tageslicht
Bildausschnitt ca.:50
Ballooning 1 web.jpg (157.26 KiB) 3663 mal betrachtet
Ballooning 1 web.jpg
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Beitragvon SilkeP. » 19. Apr 2007, 22:02

Ui... danke Jürgen für diese Erkärung und das Bild dazu...

Aber jetzt hab ich ein paar dumme Fragen... :oops:

wie macht die Spinne den Faden und wo hängt der, wenn die in mehreren 1000 metern in der Luft herumfliegen? Überleben die das überhaupt? Da ist es ja kalt oben.... und wie lange fliegen die?

Das mit den Spinnen wird ja immer spannender und das schönste ist, ich hab keine Panik mehr... :D

LG Silke
Liebe Grüße, Silke
(Meine Fotos sind meist Naturdokumente, ab und zu beeinflusste Natur, wenn ich den ein oder anderen Halm auf die Seite biege oder abschneide...)
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Beitragvon Andreas » 19. Apr 2007, 22:11

Eine hochinteressante Doku und ein keineswegs schlechtes Bild. ;-)

Gruß Andreas
Im Zweifel entscheide man sich für das Richtige.
(Karl Kraus)
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Jürgen Fischer
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Beitragvon Jürgen Fischer » 19. Apr 2007, 22:20

Hallo Silke, sitze grad am PC und schau natürlich ab und zu nach Antworten. Deshalb auch gleich meine Antworten auf deine (keineswegs dummen) Fragen: Die Jungspinne produziert den Faden in Spinndrüsen im Hinterleib. Aus bis zu drei Paar Spinnwarzen am Hinterende entläßt sie dann den Faden, der vom Wind erfasst wird. Hat der Faden eine Länge und eine Stärke erreicht (kann die Spinne regeln), ist er in der Lage, das spezifische Gewicht der Spinne zu tragen (ähnlich einem Gleitschirm)--> die Spinne hebt ab. Geflogen wird dann natürlich passiv, das Tier hat keine Steuerungsmöglichkeit und ist vom Wind und vor allem auch von der Thermik abhängig. Die Überlebenschance der Jungspinne ist relativ gering, die Natur produziert deshalb ja auch auf Überschuss ! Würden alle ca. 300 Jungspinnen eines Kreuzspinnenkokons überleben, wäre die Welt schnell von Spinnen überbevölkert. Es genügt wenn pro Mutterspinne 2-3 Jungspinnen geschlechtsreif werden (im neuen Lebensraum) um die Art zu erhalten. Übrigens besitzen viele Spinnenarten ne Art Frostschutzmittel im Blut, was ihnen den Aufenthalt in Schnee und Eis durchaus ermöglicht. Achte mal im Winter beim Langlauf in der Loipe auf marschierende Baldachinspinnen. Du wirst überrascht sein, was da alles rummarschiert.
Ich hoffe ich hab deinen Wissensdurst etwas befriedigt. Mach ich übrigens gern, bin nämlich Lehrer. In der Hoffnung mit diesem Geständnis nicht meine letzten Sympathien bei dir verscherzt zu haben, verbleibe ich mit lieben Grüßen
Jürgen
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Beitragvon Inger D.-G. » 19. Apr 2007, 23:12

Hallo Jürgen
Danke für Deine ausführlichen Erklärungen. Das ist ja wirklich hochinterressant und im Zusammenhang mit Deinem gelungenen Bild ein lehrreicher Hinweis, welche Wunder in der Natur vorhanden sind. Man kann nur immer wieder staunen welche Fähigkeiten selbst kleinste Lebewesen entwickelt haben.
lg Annel
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Beitragvon junior » 20. Apr 2007, 00:12

Hallo Jürgen,

klasse gemacht dein Vortrag über Spinnen ... ich finde die Viecher ebenfalls hochinteressant !
Zuletzt geändert von junior am 20. Apr 2007, 00:59, insgesamt 1-mal geändert.
Gruß Jens


live long and prosper
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Beitragvon Werner Buschmann » 20. Apr 2007, 00:26

Jürgen.

Danke, deine Arbeit hat sich gelohnt für mich.

Werner
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Beitragvon Strogg » 20. Apr 2007, 00:26

Das ist mir auch schon aufgefallen wie kälteunempfindlich viele Spinnen sind. Wie gesagt die Baldachinspinnen sieht man das ganze Jahr über im wald und das ist auch keine Seltenheit das mal ne Wolfspinne über den Schee rennt. Auf jedenfall sehr intressant. Das Bild finde ich auch mehr sehenswert als schlecht.
Grüße Florian
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Beitragvon Replicant » 20. Apr 2007, 07:51

hallo jürgen...danke für die infos und gelohnt hat es sich auf jeden fall...es ist immer interessant was es alles zu entdecken gibt....
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Beitragvon SilkeP. » 20. Apr 2007, 08:10

Hallo Jürgen!

Danke für die tollen Erklärungen.....

Achja.. und ich hab nix gegen Lehrer.... :wink:.... was unterrichtest denn?

LG Silke
Liebe Grüße, Silke
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