1.Heuschrecken - immer sprungbereit - Einführung in die Welt der Heuschrecken 1

Die Hinterbeine der Heuschrecken sind zu charakteristischen Sprungbeinen ausgebildet, die die Tiergruppe unverwechselbar macht. Es werden Langfühlerschrecken -Ensifera - 38 Arten und Kurzfühlerschrecken- Caelifera - 41 Arten unterschieden, die durch die Länge ihrer Antennen zugeordnet werden können. Viele mitteleuropäische Arten sind zur artspezifischen Lauterzeugung fähig und können daher auch anhand ihres Gesangs unterschieden werden. Neben den typischen Grashüpfern und Heupferden finden sich hier auch die Grillen. Alle 79 Arten Deutschlands mit Fotos und Artenportraits.
Heuschrecken - alle Arten mit Fotos.
Einführung in die Welt der Heuschrecken - Teil 1.
Einführung in die Welt der Heuschrecken - Teil 2

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Jürgen Fischer
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1.Heuschrecken - immer sprungbereit - Einführung in die Welt der Heuschrecken 1

Beitragvon Jürgen Fischer » 2. Mär 2018, 22:45

Immer sprungbereit - aus dem Leben heimischer Heuschrecken

Dieser Artikel soll in die Thematik Heuschrecken und in die Heuschreckenarten Deutschlands einführen und Lust machen, sich mit unserer Artengalerie Heuschrecken, die Bilder und Artenportraits von allen Heuschrecken Deutschlands enthält, auseinanderzusetzen.

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Welche Heuschrecke ist das?

Direktzugang zu den einzelnen Familien und Heuschreckenarten:
Heuschrecken - Heuschreckenarten - Heuschrecken Artenportraits

Ein empfehlenswertes Bestimmungsbuch für Heuschrecken ist:

Die Heuschrecken Deutschlands und Nordtirols
ISBN 978-3-494-01670-2
Best.-Nr. 494-01670


Heuschrecken - Springer aus Leidenschaft:

Springen gehört zu ihrem Leben, es liegt ihnen gewissermaßen im Blut. Dieser auffälligen Eigenheit der Heuschrecken tragen wir Rechnung, indem wir ihnen viele Namen gegeben haben, die auf das hervorragende Sprungvermögen dieser "alten" Insektengruppe hinweisen:
Die ganze Ordnung wurde lange Zeit als "Saltatoria" (= Springschrecken) bezeichnet. Die Heuschrecke ("hewiscrecko" = althochdeutsch: springen) ist das Tier, welches im Heu springt und die Bezeichnungen Grashüpfer und Heuhüpfer zeigt in die gleiche Richtung.
Bildcollage 1 zeigt ein Männchen der Gemeinen Gebirgsschrecke (Podisma pedestris) kurz vor dem Absprung.


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Heuschrecke und Mensch - eine lange Geschichte

Während der Mensch unserer Breiten in den Tagfaltern eindeutig die "sympathischsten" Insekten sieht, ist sein Verhältnis zu den Heuschrecken oft ambivalent. Fast jeder kennt das Phänomen riesiger Heuschreckenschwärme, die plündernd und alles kahlfressend durch die Lande fliegen. Bereits in der Bibel und der Antike galten diese Schwärme als Plage, selbst heutzutage können sie vor allem in Drittweltländern noch großen wirtschaftlichen Schaden anrichten.
Für die Riesenschwärme zeichnen vor allem die Wüstenheuschrecke (Bild A) und die Europäische Wanderheuschrecke (Bild B) verantwortlich. Letztere ist im Bild in ihrer sesshaften Ausprägung zu sehen, in der Wanderphase ist sie komplett braun und hat etwas längere Flügel. Ihren letzten großen Auftritt als Schwarm hatte sie in Bayern 1862 im Altmühltal. In jüngerer Zeit gilt sie in Deutschland als Irrgast und wird nicht mehr zur deutschen Fauna gezählt. Die Italienische Schönschrecke (Bild C) trat 1949 noch einmal in Bayern als Schwarm auf. Mittlerweile ist sie eine unserer bedrohtesten Arten.
Der Vergleich, der 2004 geld- und raffgierige Finanzmanager und ähnliche Berufszweige als "Heuschrecken" titulierte, hat in der Folge das Image der Insekten auch nicht gerade verbessert (Bild D)
In den letzten Jahren hat man auch in "kultivierten" Gesellschaften den Wert der Heuschrecken als Nahrungsmittel entdeckt. So stehen in Feinschmeckerrestaurants vieler Städte mittlerweile neben gegrillten Mehlwürmern auch gebratene Heuschrecken auf der Speisekarte. Dabei geht es dem gehobenen Konsumenten aber vielfach sicher noch nicht darum, die hervorragende Proteinquelle zu seiner Ernährung zu nutzen, sondern elitäres zur Schau stellen eines extravaganten Lebenstiles könnte durchaus auch für manche die Motivation sein. Nichtsdestotrotz gibt es seriöse Wissenschaftler, die in Insekten, insbesondere in den schwarmbildenden Heuschrecken, tatsächlich die Möglichkeit sehen, künftige Welternährungsprobleme abzumildern. (Bild E)



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Welche Tiere sind mit den Heuschrecken verwandt?


Bildcollage 3: Verwandtschaft der Heuschrecken

Aufgrund ihrer geraden Flügel werden die Heuschrecken auch als Orthoptera bezeichnet (griechisch orthos) gerade und -pteros geflügelt); manche Autoren verwenden auch noch den Namen Saltatoria (= Springschrecken). In die weitläufigere Verwandtschaft der Heuschrecken rechnet man die Fangschrecken und die Schaben. Auch die Ohrwürmer stehen ihnen recht nahe. Die Heuschrecken selbst kann man aufgrund ihrer Fühlerbeschaffenheit in die Langfühlerschrecken (Fühler dünn, meist mehr als 30 Glieder) und in die Kurzfühlerschrecken (Fühler dicker, meist weniger als 30 Glieder) unterteilen.
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Heuschrecken kann man nach der Länge ihrer Fühler in zwei große Gruppen einteilen.

Die Langfühlerschrecken

Bildcollage 4: Familien der Langfühlerschrecken

Die Langfühlerschrecken (Ensifera) umfassen in Deutschland neun Gruppen, wobei nach wie vor die Benennung dieser Gruppen als Familien oder als Unterfamilien kontrovers diskutiert wird. Die in Klammern stehenden Zahlen zeigen die Artenzahl der jeweiligen Familie für Deutschland.
Im Einzelnen unterscheiden wir: Sichelschrecken (8), Eichenschrecken (2), Schwertschrecken (3), Singschrecken (16), Sattelschrecken (1), Buckelschrecken (2), Echte Grillen (7), Maulwurfgrillen (1) und Ameisengrillen (1).


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Die Kurzfühlerschrecken

Bildcollage 5: Familien der Kurzfühlerschrecken

Die Einteilung der Kurzfühlerschrecken (Caelifera) ist etwas einfacher, ihre systematische Gliederung teilweise auch noch umstritten.
Hier unterscheiden wir: Dornschrecken (6), Grashüpfer (26), Knarrschrecken (3), Schönschrecken (1) und Ödlandschrecken (8).


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Körperbau der Heuschrecken

Bildcollage 6: Grundbauplan der Heuschrecken

Heuschrecken sind eine alte und typisch aufgebaute Insektengruppe mit den bekannten Merkmalen: dreigegliederter Körper, zwei Paar Flügel und beißend-kauenden Mundwerkzeugen. Bei letzteren fallen vor allem die kräftigen Oberkiefer (Mandibeln) auf, mit denen große Arten, wie das Grüne Heupferd, schmerzhaft zubeißen können. Ein weiteres wichtiges Merkmal der meisten Arten sind die kräftigen, muskulösen Hinterschenkel, die die eingangs beschriebene Sprungfähigkeit ermöglichen. Für die Bestimmung oft sehr hilfreich sind die Eigenschaften des Halsschildes, Form, Länge und Äderung der Vorderflügel — Merkmale, die man sich sowohl bei den Ensifera als auch bei den Caelifera genauer anschauen sollte. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist die Lage der Hörorgane. Während sie bei den Ensifera an den Seiten der Vorderschienen liegen, findet man sie bei den Caelifera an den Seiten des ersten Hinterleibsegments. Zudem besitzen fast alle Weibchen der Langfühlerschrecken eine recht auffällige Legeröhre, die bei den Weibchen der Kurzfühlerschrecken wesentlich kleiner und unauffälliger ausgebildet ist.

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Wie entwickeln sich Heuschrecken?
Von der Larve über Verwandlungen zur erwachsenen Heuschrecke


Bildcollage 7: Verwandlung (Metamorphose) der Heuschrecken

Anders als bei den Schmetterlingen, die vom Ei über die Raupe und die Puppe bis hin zum gänzlich anders aussehenden Imago (ausgebildeter Falter) eine sogenannte vollkommene Verwandlung (Holometabole Entwicklung) zeigen, liegt bei den Heuschrecken eine unvollkommene Verwandlung (hemimetabole Entwicklung) vor. Dabei schlüpft aus dem Ei eine Larve, die dem erwachsenen Tier bereits sehr ähnlich sieht. Lediglich die Körpergröße, die Flügel und die Geschlechtsorgane sind noch nicht in der endgültigen Ausprägung. Von einem Larvenstadium zum anderen wächst die Larve dann heran, ermöglicht durch mehrere Häutungungen, bis sie schließlich mit der Imaginalhäutung das Adultstadium erreicht. Eine, für holometabole Insekten (Falter, Käfer, Fliegen etc.) typische, Puppenphase, die dort als Ruhe- und Umgestaltungsphase genutzt wird, fehlt den Heuschrecken. Die Anzahl der Larvalhäutungen ist dabei bei den verschiedenen Familien oft unterschiedlich. So haben die Feldheuschrecken meist nur vier Häutungen, Grillen und Heimchen bis zu 14 Wachstumsschübe.
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Bildcollage 8: Imaginalhäutung der Heuschrecken

Zur letzten Häutung hängen sich die meisten Heuschrecken an einer erhöhten Warte mit den Beinen auf und schlüpfen dann der Schwerkraft folgend nach unten aus der alten Haut. Die dafür nötige Sollbruchstelle im alten Chitinpanzer zieht sich auf der Rückseite des Brustabschnittes hin und wird durch eine Blutdruckerhöhung gesprengt. Bei den Ensifera verläuft der Vorgang im Wesentlichen vergleichbar mit der Häutung bei Caelifera. Die Langfühlerschrecken haben dabei allerdings wesentlich größere Probleme, ihre langen und lebenswichtigen Fühler aus der alten Fühlerscheide zu befreien. Im Gegensatz zu den Caelifera fressen die frisch gehäuteten Tiere der Ensifera meist ihre alte Haut (Exuvie) auf. Die Häutung stellt immer den wohl gefährlichsten Moment im Leben einer Heuschrecke dar. Sie wird deshalb meist an versteckter Stelle mit optimalem Mikroklima vollzogen. Wir Makrofotografen sollten die Szene deshalb immer aus ausreichend großer Distanz ablichten, ohne dabei den Häutungplatz zu verändern oder zu "bereinigen". Das Verletzungrisiko der empfindlichen Tiere ist ansonsten einfach zu hoch!

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Die Gesänge der Heuschrecken:


Bildcollage 9: "Gesangsvarianten" bei Langfühlerschrecken

Neben dem Sprungvermögen und den interessanten Verhaltensweisen ist es wohl häufig auch die Fähigkeit der Tiere, Kommunikation mittels Geräuschen zu betreiben, die uns Menschen die Heuschrecken als faszinierende Insekten erscheinen lassen. Diese Geräusche werden häufig auch als Gesänge oder Stridulation bezeichnet. Man unterscheidet unter anderem Lockgesänge, Werbegesänge, Rivalengesänge und Störlaute. Natürlich kommen diese Gesänge nicht an die Qualität von Vogelgesängen heran, aber immerhin sind sie variabel und, da arttypisch, auch sehr hilfreich bei Bestimmungsproblemen. Zu beachten ist allerdings, dass in der Regel nur die Männchen singen.
Ähnlich wie bei der Lage der Hörorgane bestehen auch bei der Lauterzeugung erhebliche Unterschiede zwischen den Ensifera und den Caelifera.
Die Männchen der Langfühlerschrecken stridulieren, indem sie die beiden Vorderflügel übereinander reiben (Bild F: Roesels Beissschrecke). Dabei liegt bei den Laubheuschrecken immer der linke Vorderflügel oben, bei den Grillen immer der rechte. Selbst mit extrem kurzen Flügeln, wie sie z.B. beim Männchen der Wanstschrecke (Bild G) vorliegen, kann laut gezirpt werden, da der hoch erhobene Halsschild als Schallverstärker genutzt wird. Einige Arten weichen von der herkömmlichen Lauterzeugung der Ensifera ab. So striduliert das Männchen der Eichenschrecke (Bild H) nicht, sondern trommelt mit den Hinterbeinen auf die Sitzwarte. Der Gesang anderer Arten ist so leise oder so hochfrequent, dass man ihn nur mittels Bat-Detektor aufspüren kann.


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Bildcollage 10: "Gesangsvarianten" bei Kurzfühlerschrecken

Der "Normalsänger" unter den Kurzfühlerschrecken streicht mehr oder weniger schnell mit den Hinterbeinen über die Außenseite seiner Vorderflügel (Bild I) und erzeugt so ein meist kratzendes Geräusch. Interessant sind aber auch andere, aber recht seltene Techniken: Das Männchen des Bunten Alpengrashüpfers (Bild J) (kommt allerdings nicht in Deutschland vor), schlägt wie wild im Sitzen mit den Flügeln um sich und erzeugt so ein weit hörbares, beeindruckendes Flügelschnarren. Das Männchen der Sumpfschrecke (Bild K) striduliert überhaupt nicht, sondern schleudert wechselweise die Schienen der Hinterbeine nach hinten, wobei ein Knipsgeräusch entsteht, das einem Knipsen mit den Fingernägeln gleicht. Dieses merkwürdige Verhalten wird als Schienenschleuder-Zick bezeichnet.
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Bildcollage 11: Bestimmung mit Hindernissen

während eine Vielzahl einheimischer Heuschrecken recht einfach zu bestimmen ist, können manche Arten auch durchaus Probleme bereiten. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass Heuschrecken sich oft nicht an eine Vorschrift halten, welche Farbe sie tragen müssen, oder anders ausgedrückt, es gibt Farbmorphen oder Farbvarianten innerhalb einer Art. Darüber hinaus ignorieren sie manchmal auch Vorgaben, welche Normen für ihre Flügellänge einzuhalten sind. Kurzflügelige Arten bringen somit hin und wieder langflügelige (und damit mobilere) Varianten hervor.
Kennt man diese Farb- und Flügelmorphen, ist die Bestimmung dann aber auch wieder einfach; es sind auch in der Regel nur einige Arten zu solchen Variationen fähig.
Im letzten Bild möchte ich eine kleine Bestimmungsaufgabe einbauen. Welche Art(en) ist / sind hier abgebildet, welche Tiere tanzen aus der Reihe?


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Damit möchte ich den Teil 1 der kleinen Heuschreckenkunde abschließen. Im geplanten 2. Teil möchte ich dann noch einige Bilder und Informationen zu wichtigen Lebensäußerungen der Heuschrecken, wie Fortpflanzung, Eiablage, Nahrung, Feinde usw. aufzeigen.
Bis dahin viel Spaß beim Schmökern!


LG Jürgen
Zuletzt geändert von Werner Buschmann am 5. Apr 2018, 16:43, insgesamt 26-mal geändert.
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