Beitragvon Ajott » 13. Jan 2015, 18:30
Hallo Mirko,
die Wespenspinne ist eine der wenigen Arten bei uns, bei denen Gattenmord nicht nur gelegentlich sondern recht regelmäßig vorkommt. In 80% der Paarungen wird das Männchen nach oder bei der Paarung vom Weibchen gefressen. Manchmal kommt es nur mit dem Verlust eines Beines davon.
In meinem Department wird viel an Wespenspinnen gearbeitet, auch daran, warum es zu diesem sexuellen Kannibalismus kommt.
Bei der Art ist der Größenunterschied so ausgeprägt, dass das Weibchen keinen ernährungsrelevanten Vorteil davon hat, wenn es das Männchen frisst. Es wird nicht wirklich Gewicht zulegen, nicht mehr oder größere Eier produzieren usw, wie es bei anderen Arten der Fall sein kann, wo die Größenverhältnisse nicht so drastisch sind (zB auch bei Mantiden).
Es geht hier vermutlich mehr um einen Interessenskonflikt der Geschlechter bezüglich der Vaterschaft. Bei Spinnen werden Eier nicht sofort befruchtet, sondern das Sperma wird zwischengelagert, und erst bei der Eiablage kommen männliche und weibliche Fortpflanzungszellen zusammen. Auf diese Weise können die Eier in einem Kokon von verschiedenen Vätern befruchtet sein, wenn das Weibchen Samenzellen von verschiedenen Männchen eingelagert hat. Es gibt für Spinnenmännchen verschieden Strategien ihre Vaterschaft zu sichern. Z.B indem sie dafür sorgen, dass das Weibchen sich nicht mehr verpaaren kann (verstopfen oder verletzen der Geschlechtsöffnung des Weibchens, Bewachen des Weibchens..) oder einfach, indem man möglichst viel Sperma injeziert, was in der Regel auch mit der Kopulationszeit zusammenhängt.
Für das Weibchen hingegen ist es von Vorteil, sich mit mehreren Männchen zu verpaaren, um ihrem Nachwuchs höchstmögliche Fitness zu garantieren.
Infolge dieser gegenläufigen Interessen kommt es hier zu einer Art "arms race", wie es auch in Räuber-Beute-Beziehungen der Fall sein kann und bei der im Laufe der Evolution das eine Geschlecht immer wieder versucht die Mechanismen des anderen Geschlechts zu umgehen.
Im Fall unserer Wespenspinne kann sich das Weibchen die Möglichkeit sich mehrfach zu verpaaren sichern, indem es das oder die ersten Männchen während der Kopulation frisst. Das Männchen verliert dabei natürlich viel. Nicht nur das Leben, sondern auch die Möglichkeit sich eventuell erneut zu verpaaren. Das Risiko gefressen zu werden steigt mit der Dauer der Kopulation. Allerdings steigt damit auch die übertragene Menge an Sperma und damit die Wahrscheinlichkeit zumindest bei dieser Dame einen Großteil der Eier zu befruchten. Männchen die gefressen werden kopulieren in der Regel länger mit dem Weibchen als jene Männchen, die entkommen. Auch wenn das Weibchen schon attackiert hat bleibt die Kopluation noch für einige Sekunden bestehen (wenn man in 10 Sekunden die Hälfte seines Spermienvorrats in das Weibchen transferieren kann, kann jede Sekunde mehr schon eine Menge bedeuten). Das Männchen, welches 10 Sekunden mit einer Dame verkehrt und dabei das Leben lässt kann daher einen größeren Fortpflanzungserfolg haben als ein Männchen, welches es vielleicht schafft sich zweimal für 3 Sekunden unbeschadet zu verpaaren und nur wenig Sperma zu übertragen und erst beim 3. Versuch einer Paarung sofort gefressen wird.
liebe Grüße
Aj
Wer an allem zweifelt sollte darauf achten, dass gesunde Skepsis nicht bald zur blinden Paranoia wird.